Kirchenbücher: Ahnenforschung ist (k)eine Rentnersache

27.03.09

Kassel (epd) - Er ist männlich, Rentner und hat viel Zeit, um in alten Kirchenbüchern herumzustöbern: So in etwa stellt man sich den typischen Ahnenforscher vor. Ein Bild, das zwar tatsächlich zutrifft, aber keineswegs vollständig ist. Denn die Inhalte der Kirchenbücher, so weiß Bettina Wischhöfer, Leiterin des Landeskirchlichen Archivs der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck (EKKW), wecken auch bei ganz anderen Leuten Begehrlichkeiten.

Von Christian Prüfer (epd)

"Wir bekommen regelmäßig Besuch von einem Europavertreter der Mormonen, der uns eine kostenlose Digitalisierung der Bestände anbietet", berichtet Wischhöfer. Doch gehe das Archiv aus mehreren Gründen darauf nicht ein: "Wer digitalisiert, besitzt dann auch das Recht an den Daten", gibt sie zu bedenken. Außerdem sei man aus theologischen Gründen zurückhaltend.

Denn die in den USA entstandene Glaubensgemeinschaft der Mormonen benötigt die in den Kirchenbüchern verzeichneten Namen für einen eigenartigen religiösen Brauch. Danach lassen sich Menschen für bereits verstorbene Familienmitglieder, die keine Mormonen waren, stellvertretend taufen. Nur dann könne die bei den Mormonen außerordentlich hoch geschätzte Familie auch im Jenseits beisammensein.

Auch kommerzielle Interessen

Aber auch kommerzielle Dienstleister aus den USA hätten schon angeklopft, berichtet Wischhöfer. Diese stellten digitalisierte Verzeichnisse ins Internet. Gegen Gebühr könne man sich dann auf die Suche nach Ahnen und entfernten Verwandten begeben. Doch auch hier habe man abgelehnt, obwohl die eigene Digitalisierung der Kirchenbücher, die man gerade betreibe, ein aufwendiges und kostspieliges Unternehmen sei.

Dennoch sei die Digitalisierung der Archivbestände eine wichtige Aufgabe, betont Wischhöfer: "Wenn wir es nicht machen, werden es andere tun." So beteilige sich das Landeskirchliche Archiv seit kurzem an einem internationalen ökumenischen Pilotprojekt eines Kirchenbuchportals. Zahlreiche Archive kooperierten dabei mit ICARUS (International Center for Archival Research) in Wien. Über 600.000 Seiten Archivmaterial stünden hier in einer Testversion bereits online.

Digitalisierung soll bis 2015 abgeschlossen sein

Ein Ziel der Digitalisierung ist nach Wischhöfers Angaben, die Kirchenbücher über das Internet einsehbar zu machen. Der Verband kirchlicher Archive, deren Vorsitzende Wischhöfer zugleich ist, hat hierzu bereits 2007 die Seite www.kirchenbuchportal.de eingerichtet. Digitalisierte Kirchenbücher sind hier allerdings noch nicht zu finden. Wischhöfer hofft, dass man die Digitalisierung in der EKKW bis 2015 abgeschlossen haben wird. Dann könnten Interessierte sich gegen Gebühr am Computer auf die Suche nach den eigenen Ahnen begeben.

Wer allerdings meint, nach erfolgter Digitalisierung einfach durch Namenseingabe in einem Suchfeld eines Computerprogramms Menschen gleichen Namens zu finden, irrt sich. "Das ist unser Fernziel", schränkt Wischhöfer ein und weist auf die ungeheure Arbeit hin, die die Indizierung der Namen erfordere.

Momentan jedenfalls muss man noch auf Mikrofilmen Namen in altdeutscher Schrift mühsam entziffern, um zu Ergebnissen in der Ahnenforschung zu gelangen. Damit beschäftigten sich im vergangenen Jahr immerhin rund 75 Prozent der 367 Besucher, die das Archiv zählte.



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Datum des Ausdrucks: 04.09.2010