Medien-Blog: Studentische Anonymiker prangern an
27.01.10
"Streikende Studierende der Uni Kassel" haben sich über Nordhessische.de beschwert. Ein Anfang Dezember veröffentlichter Erlebnisbericht über eine Studenten-Demo habe eine "populistische Grundtendenz" und sei mit "willkürlich ausgewählten Zitaten und unsachlichen Interpretationen" versehen. Der Artikel aus der Feder von Martin Sehmisch kenne "in seiner Polemik keine Grenzen".

"Wir halten Herrn Sehmischs Darbietung für äußerst
unseriös und anmaßend“, schreiben die "streikenden
Studierenden“ in ihrer E-Mail vom 7. Dezember 2009, die in diesen
Tagen über Umwege bei der Redaktion eintrudelte.
Die Kritiker wählten einen Umweg
Über
Umwege deshalb, weil die Absender ihre Kritik nicht direkt an
Nordhessische.de oder ihren Autor schickten. Sie schrieben statt
dessen an den Deutschen Gewerkschaftsbund und kritisierten eine
vermeintliche Unterstützung der IG Metall für die "nordhessische Zeitung“. Die Metall-Gewerkschaft möge doch
bitte "in einen kritischen Dialog mit Herrn Sehmisch treten“.
Schließlich könne es nicht im Interesse einer Gewerkschaft
liegen, "soziale Kämpfe in derartiger Weise zu
diskreditieren“.
Statt sich der Frage zu widmen, warum kaum jemand mit einem
streiken will, versuchte man also lieber, die Gewerkschaft auf
Journalisten anzusetzen. Statt sich Gedanken darüber zu machen,
in welche politischen Gewässer man sich während des Streiks
begab, rief man lieber
nach der Disziplinierung kritischer Berichterstatter.
Diskussion? Fehlanzeige.
Es kam den "streikenden Studierenden“, die offenbar zwar gerne versuchen,
konkrete Personen anzuschwärzen, selbst aber ohne Namen
auftreten, nicht in den Sinn, das zu tun, was sie von ihren
nicht-streikenden Kommilitonen immer verlangen: In eine Diskussion
einsteigen, Argumente vorbringen, den eigenen Horizont erweitern. Die
Kommentarspalten von Nordhessische.de stehen dafür weit offen.
Toleranz für einen Artikel aufzubringen, der aus den üblichen
Mustern der Berichterstattung ausbricht und als subjektiver "Erlebnisbericht“ vom Autor persönlich unterzeichnet wurde,
war nicht drin. "Ein verantwortungsvoller Journalist sollte sich
einen solch unreflektierten Schreibstil nicht erlauben dürfen“,
dekretierten die studentischen Anonymiker, statt sich der Sache ihrer
Kritik, dem Artikel also, zu widmen. Demnächst werden sie dann
wieder beklagen, dass sich niemand mit dem Inhalt ihrer
Bologna-Kritik beschäftigt. Prost, kann man da nur sagen, da
bekommt der Begriff "Streik“ eine ganz neue Bedeutung. (rd)
Dokumentation:
1) Die Beschwerde-Mail
Von: Bildungsstreik Kassel [mailto:Bildungsstreik.Kassel@gmx.de]
Betreff: Martin Sehmisch: Artikel in der "nordhessischen"
Sehr geehrte Damen und Herren,
wir möchten Sie hiermit auf einen Artikel aufmerksam machen,
den Martin
Sehmisch, der Chefredakteur der nordhessischen Zeitung,
über die
Studierendenproteste der Uni Kassel am 04.12.2009
veröffentlicht hat
(http://www.nordhessische.de/news.php?id=1335&c=2 ).
Ein
Artikel, der in seiner Polemik keine Grenzen kennt, ist
journalistisch
inakzeptabel. Überschriften wie "Das
hätte es bei Adolf nicht gegeben",
willkürlich
ausgewählte Zitate und unsachliche
Interpretationen
unterstreichen die populistische Grundtendenz des
gesamten Artikels. Wir
halten Herrn Sehmischs Darbietung für
äußerst unseriös und anmaßend.
Die
IG-Metall sollte als Unterstützerin der nordhessischen Zeitung
in einen
kritischen Dialog mit Herrn Sehmisch treten.
Mit freundlichen Grüßen
Streikende
Studierende der Uni Kassel
2) Die Berichterstattung von Nordhessische.de über die Kasseler Bildungsproteste
Nordhessische.de hat mit zahlreichen Artikeln (auffindbar über die Suchfunktion), vier Podcasts und zwei Fotogalerien über die Uniproteste im Winter 2009 berichtet.
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Peter schrieb:
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27.01.2010, 12:36 |
- Also, die Artikel "Das hätte es bei Adolf nicht gegeben“ und "Lichtkunst sollte für Demo mobilisieren" hab ich gerade Aufgrund dieses Artikels gelesen und kann im ersten Moment dem Inhalt der hier dokumentierten Beschwerde-Mail weitesgehend zustimmen.
Die im "Lichtkunst"-Artikel erwähnte Einschätzung der Weltvereinigung-Gruppe aus dem "Zeitgeistumfeld" als strukturell antisemitisch teile ich durchaus. Allerdings fällt schon hier die Tendenz auf, die Mobilisierung durch die Konstruktion Uni-Proteste -> den Dienstleister Lichtkunst24 -> dessen Auftragsarbeit für Weltvereinigung und deren Nähe zu potentiell antisemitisch motivierten 9-11 Verschwörern zu deskreditieren. Mit konkreten Fakten wird gegeizt, bzw. scheinen die gar nicht mehr nötig zu sein. Was verwundert, schliesslich beschäftigt sich der Artikel immerhin zur Hälfte ausschließlich mit der Verschwörerthematik.
Und beim "Das hätte es bei Adolf nicht gegeben"-Artikel schlägt die offensichtliche Abneigung des Verfassers gengenüber dem dokumentierten Geschehen und seinen Akteuren vollends durch. Mit dem Ausdruck "was unter Adolf sicher auch möglich gewesen wäre" der im Bezug auf die Studenten fällt die "inzwischen Fackeln ausgepackt" haben, ist der historische Vergleich zu den Fackelumzügen der Nazis gezogen und, was journalistisches Ethos angeht, auch der (vorläufige?) Tiefpunkt erreicht.
Als Verfasser dieses "subjektiven Erlebnisberichtes" würde ich mich ernsthaft Fragen, ob der nicht in irgendeinem privaten Blog besser aufgehoben wäre als in dem "Medienkompetenzprojekt" Nordhessische, wo er sicher mehr schadet als nutzt. Wenn ich mir dann aber anschaue, dass die Entgegnung auf die von den Protestlern formulierte Kritik daran, schon mit "Studentische Anonymiker prangern an" beginnt, drängt sich mir unweigerlich der Begriff Konfkliktunfähigkeit auf. Dem mag ich noch demagogisch und tendenziös hinzufügen, womit diese Angelegenheit erstmal hinreichend beschrieben ist.
Peter. |
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rb (Nordhessische.de) schrieb:
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27.01.2010, 13:54 |
Re: - Wer Lesen kann ... ach, lassen wir das: Die von dir angeprangerten Aussagen sind eindeutig als Zitate gekennzeichnet, d.h. der Autor jenes Artikels macht sich diese gerade _nicht_ zu eigen. Ein wenig Recherche, die wir dir abgenommen haben (siehe Links am Ende dieses Artikels hier), sollte zeigen, dass der Autor kein negatives Verhältnis zu Studentenprotesten hat. Was in beiden Artikeln zur Sprache kommt und auch von dir vollkommen missachtet wird, ist der kritische Umgang mit den Inhalten. Anstatt auf den Übermittler der Nachricht einzuprügeln, sollte man sich selbst an die Nase fassen und überlegen, warum z.B. das Volk auf der Straße "an Adolf denkt" anstatt an den Umgang Deutschlands mit Bildung. Aber diese Frage wird weder vom Bildungsstreik noch von dir gestellt. |
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Martin, Redaktion Nordhessische.de schrieb:
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27.01.2010, 14:07 |
Re: - Ich finde es ziemlich absurd, einem Journalisten vorzuwerfen, dass er eine Meinung hat. Bemerkenswert finde ich eher, dass hier von den anonymen Mail-Schreibern ANSTELLE eines Diskurses das Mittel der Verpetzens gewählt wurde. Insofern fühle ich mich vom Vorwurf der Konfliktunfähigkeit nicht getroffen. Ich bin kein Mediator, sondern Berichterstatter und Kommentator. Die Mischform des "Erlebnisberichts" habe ich ganz bewusst mit meinem vollen Namen unterschrieben, weil es sich um einen durchaus subjektiven Bericht handelt. Wenn ich jedes Mal vor dem Schreiben überlegen muss, wer beleidigt sein könnte oder sich beschweren könnte, kann es ich gleich lassen. Ein Schreiben an einen vermeintlichen Geldgeber impliziert ja wohl, dass der Wunsch nach Druck/Anweisung da war, nicht nach Auseinandersetzung. Und diesem Druck werden wir nicht nachgeben, ob er nun von der Jungen Freiheit, einer christlichen Sekte oder eben streikenden Studierenden kommt (alles drei ist passiert). |
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rb (Nordhessische.de) schrieb:
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27.01.2010, 14:07 |
Re: Anonymität und Kommunikation Fakt ist weiterhin, dass es in der "Kommunikation" hier eine Asymmetrie gibt: Nordhessische.de legt offen, wer welchen Artikel geschrieben, nennt Ross und Reiter. Der nun veröffentlichte Brief hingegen bleibt anonym, hinter dem Team/Plenum/... kann sich jeder verstecken. Und genau hiermit wendet sich der Bildungsstreik an Organisationen, die mit Nordhessische.de keinen Zusammenhang mehr haben, die vor allem nie einen redaktionellen Einfluss ausgeübt haben. Was die Autoren des Briefes fordern ist aber genau das: Der dgb solle in die Berichterstattung von Nordhessische.de eingreifen. Mein Verständnis von Presse- und Meinungsfreiheit sieht anders aus. |
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Roman G. schrieb:
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27.01.2010, 16:44 |
gekränkte eitelkeit? hat die nordhesssiche bzw. deren besagter schreiber mal darüber nachgedacht, warum niemand sich an sie/ihn wenden möchte?
wenn kein vertrauen in sachliche berichterstattung besteht, warum sollte dann jemand seinem henker noch schreiben? ich kann die studenten gut verstehen. die haben ein interesse an sachlichen nachrichten und keinem gewäsch.
sie merken vielleicht, dass jede frage sich berechtigter weise umkehren lässt.
besonders bedauerlich finde ich die versuche, den artikel zur demonstration vom 4. dezember ohne journalistische selbstkritik so im raum stehen zu lassen. im gegenteil, sie "verstecken" (um ihre worte zu wählen) sich hinter zitaten, die ihnen offensichtlich in der textkonstruktion sehr gut in den kram gepasst haben und reden von meinungsfreiheit. ich nenne sowas dichtung.
die logik, dass die assoziation mit "adolf hitler" ein indiz dafür sei, an welche zeiten die passanten die demonstration erinnern würde, entbehrt ja wohl jeglichem klarsinn. wenn man den urheber dieser botschaft am straßenrand als rechtsgesinnt betrachtet, macht das sinn. den demonstranten würde ich aber in diesem sinne ja wohl eher die rolle der verfolgten und unterdrückten zuschreiben. in welche welt leben sie eigentlich, werte damen und herren der nordhessischen?
ob nun eine gewerkschaft sie von ihrem selbstherrlichen und irrwitzigen pfad abbringt, wage ich zu bezweifeln. ich würde aber jeder gewerkschaft raten, sich nicht mit ihnen zu schmücken, denn probleme haben die so auch schon genug.
mein ratschlag an die studenten: reden sie besser nicht mit dieser journalie, denen fehlt es an horizont.
beste grüße
roman g. aus kassel |
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elena schrieb:
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27.01.2010, 17:07 |
Re: - wie wird hier eigentlich mit lesern umgegangen? erst sollen die leute kommentieren, dann werden sie zynisch beleidigt (siehe "wer lesen kann").
hier steckt doch der wurm drin. mir scheint als würden hier eher persönliche differenzen im spiel sein und die haben bei journalsisticher arbeit ja mal gar nichts verloren. anders kann ich mir die art der beiträge im zusammenhang mit dem bildungprotest allerdings nicht erklären. ich will nicht sagen, dass die übrigen artikel in der nordhessichen alle immer besonders gelungen wären, aber sie sind nach meine reinschätzung zumindest mit etwas mehr draufsicht geschrieben. dass wertfreiheit, die es genau genommen in einem kritischen selbstverständnis auch im journalismus gar nicht geben kann, hier überhaupt nie auch nur zum vorsatz genommen wurde, will ich den kritikern allerding eindeutig zugestehen.
elena |
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Martin, Redaktion Nordhessische.de schrieb:
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27.01.2010, 20:05 |
Re: - Diskutieren wir doch mal über Journalismus! Was erwarten Sie von den Artikeln auf und der Arbeit von Nordhessische.de? In diesem Zusammenhang könnten wir uns dann auch über Meinungsfreudigkeit, Kreativität, Humor, Perspektivenwechsel, politische Linien, Wirkung von journalistischer Arbeit usw. unterhalten. |
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G.K. schrieb:
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27.01.2010, 12:52 |
Sowas hat einen Namen: Mobbing. |
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Peter schrieb:
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27.01.2010, 18:05 |
- Hallo rb.
Die von mir angeprangerten Zitate, vornehmlich "was unter Adolf sicher auch möglich gewesen wäre" (http://www.nordhessische.de/news.php?id=1335&c=2, 5. Absatz, letzter Satz) ist kein Zitat sondern O-Ton des Redakteurs Martin Sehmisch. Somit ist es erstmal nicht "das Volk" daß dabei an Adolf denkt, sondern eben jener Verfasser der Zeilen. Das mit dem "wer lesen kann..." lass ich daher gerne mal im Raum stehen. Oh, und danke für die Mühe mit der Recherche
Peter. |
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