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"Ach, doch mehr als 30 Leute“, witzelt ein Pressefotograf, als sich die als „Trauerzug“ angekündigte Demonstration am Holländischen Platz in Bewegung setzt. Es ist bereits dunkel, die Objektive der Fotografen richten sich auf den Kopf der Demonstration. Aus dem Megafon tönen an diesem Abend keine starken Sprüche, sondern weinerliche Töne – und das ist Absicht.
Die Aktionswoche ist vorbei
„In stillem Gedenken an unserer lieben BILDUNG, welche wir nie richtig kennenlernen durften“, steht auf einem Flyer im Stil einer Traueranzeige, der an Passanten verteilt wird. Auf der Rückseite befinden sich die Termine der „Aktionswoche“. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag sind bereits vorbei. Für Samstag und Sonntag ist nur „tba“ vermerkt, "to be announced".
Vielleicht ist die Bewegung aber auch schon fast klinisch tot und der Trauermarsch eher ein Zeichen eines sehr aktiven Unbewussten. Tatsächlich heulen an diesem Abend viele passionierte Hobby-Schauspieler. Gesenkte Blicke, langsame Schritte, Trauerflor - das passt so gar nicht zu einer Studenten-Demo.
Viele Passanten werfen Blicke auf den Zug, der nun durch die von Lichterketten erleuchtete Innenstadt zieht. Vorbei an Glühweinständen und Menschen mit vollen Einkaufstüten. „Das hätte es bei Adolf nicht gegeben“, hatte ein Mann mit Bierflasche in der Hand kurz zuvor in einer Straßenbahn, die wegen der Demonstration umgeleitet wurde, noch gepöbelt. „Aufs Maul“ solle man den Demonstranten schlagen. Die aber haben inzwischen Fackeln ausgepackt, was unter Adolf sicher auch möglich gewesen wäre.
Nur wenig Sympathie
Auch in der City schlägt den Studierenden allerdings nur wenig Sympathie entgegen. „Jaja, Vater Staat auf der Tasche liegen“, meckert ein griesgrämig dreinblickender Mann, seine Frau pflichtet ihm bei. Eine Gruppe von Kids mit Migrationshintergrund kichert laut angesichts der gespielten Heulsusigkeit, die da durch die Innenstadt wabert.
Allein ein Familienvater nimmt es pädagogisch, als er eine Zeitung des bundesweiten Zusammenschlusses der Studierendenvertretungen in die Hand gedrückt bekommt. „Da musst du dich für interessieren, du wirst doch auch Studentin“, sagt er zu einer jungen Frau, die vielleicht seine Tochter ist. Die meisten Passanten hetzen aber einfach vorbei. „Idioten“ faucht ein Mann, der offenbar auf die Bahn wartet. Vielleicht sind die Meckerer auch einfach lauter als die Unterstützer, denn der ein oder andere Blick scheint Sympathie zu vermitteln.
"Randalierer!", giftet eine junge Frau am Lions-Stand
Am Punsch-Stand der „Lions“ am Friedrichsplatz giftet eine junge Frau unvermittelt „Randalierer!“ in Richtung der geordneten Demonstration. Ihre Nachbarin weiß sogleich von Frankfurter Studenten zu berichten, die über 200.000 Euro Schaden angerichtet haben sollen. „Da kümmert sich jetzt die Staatsanwaltschaft drum.“ Die Demonstranten machen ausgerechnet vor der organisierten Wohltätigkeit (Lions-Punsch kostet 2,50 Euro) einen Zwischenstopp und weinen noch ein bisschen weiter.
Selbst die zahlreichen Polizeibeamten scheinen gelangweilt. Und werden ihrerseits zum Ziel der Bemerkungen, die im Publikum fallen. „Fünf Polizeiwagen für so ein paar Leute“, sagt ein Passant und schüttelt den Kopf. Was die meisten nicht wissen: Hier laufen auch mindestens vier Beamte in Zivil mit. Einer von ihnen hat sich Protest-Buttons an die Jacke geheftet. Er will offenbar für einen Teil der Demo gehalten werden. Ein Button zeigt einen Vermummten.
Beamte in Zivil machen Späße, Uniformträger kaufen Kaffee
Aber auch er und seine zivil gekleideten Kollegen geben sich keine Mühe mehr, die Tarnung aufrechtzuerhalten. Sie albern am Stand eines Schuhgeschäftes rum. Wenig später sind martialisch wirkende Beamte in Uniform zu sehen, wie sie sich während der Demo Kaffee in einem Discount-Bäcker abfüllen. Wer zur Hölle hat denn auch annehmen wollen, ausgerechnet ein Trauermarsch könnte in Randale münden? Oder andersrum: Warum werden in einer Demokratie eigentlich harmlose Demonstrationen mit gerade mal 70 Leuten von vier oder fünf Staatsdienern in Zivil beobachtet?
Martin Sehmisch
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