Kommentar: Der Gedenk-Mantel des Schweigens
31.10.09
Am 7. November 1938 haben Nationalsozialisten in Kassel Pogrome gegen Juden gestartet. Daran soll eine Kundgebung mit anschließendem "Mahngang" am 71. Jahrestag erinnern. "Wie in den vergangenen Jahren wollen wir mit dieser öffentlichen Aktion an die antisemitischen Ausschreitungen vor den Augen der Menschen dieser Stadt erinnern", schreibt die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN-BdA). In Kassel sei kein Platz für Neofaschismus und Antisemitismus.

Klingt nach guter Absicht, und dennoch
muss ich mir die Augen reiben. Denn die VVN lädt ausgerechnet
gemeinsam mit dem Kasseler Friedensforum dazu ein, dem Antisemitismus
der Nationalsozialisten zu gedenken. Das Friedensforum aber hat bis
heute die antisemitischen Ausschreitungen vom 17. Januar 2009 nicht
aufgearbeitet.
Demonstranten setzten am 17. Januar 2009 in Kassel Israel mit Nazideutschland gleich.
Damals waren aus den Reihen einer
„Friedensdemonstration“ gegen Israel in der Kasseler Königsstraße
die Betreiber eines pro-israelischen Informationsstandes bedroht,
angegriffen und mit wüsten antisemitischen Beschimpfungen
überzogen worden. Der Sprecher des Friedensforums hatte
anschließend erklärt, die Betreiber des Standes hätten
die Übergriffe provoziert und gewünscht. Eine Aufarbeitung
eigener Versäumnisse sieht anders aus.
Was ist dieses Gedenken wert?
Natürlich meinen die Veranstalter
des Gedenkens an die Pogromnacht ihre Verdammung
nationalsozialistischer Taten und Gesinnung ernst. Was aber ist das
wert, wenn sie gleichzeitig gemeinsam mit Leuten auf die Straße
gehen, die ihrem Antisemitismus und ihrem Hass auf Israel freien Lauf
lassen und sich als Meute auf eine kleine Gruppe politischer Gegner
stürzen?
Umso trauriger, dass der nordhessische
DGB sich anlässlich des Gedenkens an die Pogromnacht in ein
Bündnis mit dem Friedensforum und der VVN begeben hat. Dabei
hätte der DGB durchaus die Möglichkeit gehabt, sich etwa an
der Gedenkveranstaltung der jüdischen Gemeinde auf dem jüdischen
Friedhof zu beteiligen. Man muss sich in Kassel nicht mit dem
Friedensforum zusammentun, um etwas zum Jahrestag der Novemberpogrome
zu sagen.
Der Gewerkschaftsbund hat auf
nationaler Ebene längst begriffen, dass angesichts auch in
Gewerkschaften verbreiteter antisemitischer Vorstellungen ein klares
Bekenntnis zur Existenz des Staates Israel notwendig ist. So pflegt
der DGB gute Beziehungen zum israelischen Gewerkschaftsbund und lehnt
anti-israelische Boykott-Aktionen etwa zahlreicher britischer
Gewerkschaften ab.
Wer mit Antisemiten gemeinsame Sache macht, hat sich disqualifiziert
Damit wir uns richtig verstehen: Es
gibt kein Verbot einer Kritik an Israel. Es gibt gute Gründe,
israelische Politik zu kritisieren. Wer aber mit Antisemiten und
Islamfaschisten gemeinsame Sache macht, der hat sich bis zur
Aufarbeitung dieser Kollaboration disqualifiziert. Wer antisemitische
Positionen und Aktionen in den eigenen Reihen frech nach vorne
verteidigt, indem er den Angegriffenen die Schuld gibt, der legt ein
erschütterndes Zeugnis mangelnder intellektueller Redlichkeit
ab. Das Gedenken an die Taten der Nationalsozialisten darf nicht zum
Mantel des Schweigens werden, der über Antisemitismus und
Israel-Hass in den eigenen Reihen gelegt wird.
Martin Sehmisch
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Gorgon schrieb:
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01.11.2009, 18:23 |
Master Was bitte ist ein Islamfaschist? Finde ich solche Leute beim Friedensforum?
Mir ist die Stoßrichtung des Kommentars nicht ganz klar... |
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Martin schrieb:
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02.11.2009, 17:58 |
Re: Master "Islamfaschismus oder Islamofaschismus ist ein kontroverser Neologismus, der Ähnlichkeiten in Ideologie und Praxis zwischen modernen islamistischen Bewegungen und europäischem Faschismus des 20. Jahrhunderts, bzw. zu neofaschistischen und totalitären Bewegungen der Gegenwart, behauptet. Als islamfaschistische Organisationen wurden unter anderem Al-Qaida, die Taliban, die Muslimbruderschaft, Hamas und Hizbollah bezeichnet. Kritiker des Begriffs sehen in der Verbindung von Islam und Faschismus ein beleidigendes und falsches politisches Schlagwort."
http://de.wikipedia.org/wiki/Islamfaschismus |
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Gorgon schrieb:
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02.11.2009, 20:47 |
Re: Master OK - der Begriff "Islamfaschismus" ist also ein ideologischer kein analytischer Begriff. Und als ideologischer Begriff wird er in dem Kommentar auch benutzt. Kann man so machen - find ich aber nicht so gut. In der Wiki-Definition steht ja auch, dass es ein "kontroverser" Begriff ist.
Deswegen eröffne ich mal die Kontroverse:
Der Begriff Islamfaschismus ist ziemlich dämlich. Ich sehe bei den angeführten Organisationen keinen terminatorischen Rassenhass, ich sehe keine industriell organisierte Massenvernichtung, die Entstehungsvoraussetzungen insgesamt sind ganz andere. Die Taliban des 21. Jahrhunderts mit den Nazis des 20. Jahrhunderts gleichzusetzen halte ich für ziemlich abwegig. Ich lasse mich aber gerne belehren.
Was ein ganz schöner Hammer ist: die "Verfolgten des Naziregimes" sollen heute mit den "Islamfaschisten" demonstrieren und kollaborieren. Sind die etwa schon so vertrottelt (Altersdemenz?!?), dass die es nicht mehr raffen, mit wem sie sich da überhaupt zusammen tun? Ich trau denen aufgrund ihrer doch sehr (sehr, sehr) negativen Erfahrungen mit den Nazis des Dritten Reiches schon noch zu, dass das alle stramme Antifaschisten sind. Oder machen die heute gemeinsame Sache mit Menschen, die eine modernisierte Endlösung befürworten? Das wäre ja eine tragische Wandlung einer Vereinigung, die sich "Verfolgte des Naziregimes"
nennt.
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answerer schrieb:
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02.11.2009, 21:53 |
Islamf. Unter anderem werden folgende Analogien und Äquivalenzen zwischen europäischem Faschismus
und politischem Islamismus hervorgehoben:
eine Verankerung in gesellschaftlichen Schichten, die sich aufgrund des Wirkens fremder
Mächte oder säkularer Entwicklungen als ungerecht behandelt, als zu kurz gekommen
und somit als unschuldige Opfer betrachten;
die totalitäre Grundausrichtung, die Diskussion, Verhandlung, Konsens- und Kompromissbildung
als Form der Befriedung von Differenzen und Gegensätzen ausschließt und die
vollständige Unterwerfung der Bürger unter die totalitäre Ideologie und Herrschaftspraxis
bei Zerstörung jeglicher Privatsphäre und gesellschaftlicher Vielfalt anstrebt;
eine Integrationsideologie, die dem Einzelnen über den Verbund mit einem höheren Wesen
(Gott oder Volksgemeinschaft) die Zugehörigkeit zu einer (anderen Rassen, völkischen
Gruppen oder Religionen) überlegenen Gemeinschaft suggeriert, für die sich das
Individuum notfalls zu opfern habe;
eine rassistisch oder religiös bestimmte Heilslehre, die Erlösung im Namen der jeweils
bevorzugten Rasse, völkischen Gemeinschaft oder Religion verheißt und die Rückkehr
oder Wiederherstellung einer vermeintlich heilen, vormodernen Welt verspricht;
die Ablehnung einer als dekadent, unmoralisch und materialistisch verunglimpften westlichen
Lebensweise und ihrer tragenden Grundprinzipien wie Aufklärung, Freiheit, Individualismus,
Menschenrechte, Liberalismus, Demokratie, Rechtsstaat, Pluralismus, Säkularismus,
Gleichberechtigung der Geschlechter u.ä.;
ein militanter Antisemitismus sowie die Ausgrenzung Andersdenkender und Dämonisierung
anderer Völker, Rassen oder Religionsgemeinschaften als „Schädlinge“ bzw. als
„Ausgeburten des Teufels“, deren Unterwerfung oder Vernichtung oberste Priorität zugemessen
wird;
eine umfassende Gewaltkultur, die sowohl in einer einseitigen Fixierung auf Gewalt und
Krieg im Umgang mit anderen Gruppen und Völkern als auch in der Überhöhung soldatischen
Kämpfer- und Heldentums zum Ausdruck kommt;
die hervorgehobene Stellung charismatischer Leitfiguren (Führerprinzip) sowie die Verhaftung
in hierarchische Organisations- und Machtstrukturen.
(Quelle: http://www.zmo.de/publikationen/Bundestag%20Wiss%20Dienste%20Islamofaschismus.pd f)
Welchen alternativen Begriff schlagen Sie denn vor? |
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Gorgon schrieb:
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03.11.2009, 0:00 |
Re: Islamf. copy & paste - das kann ich auch (steht übrigens im selben dokument):
"Den Kritikern der Islamfaschismus- These zufolge diene die begriffliche Neuschöpfung weniger der adäquaten Erfassung politisch-ideologischer Tatsachen, sondern ziele als politischer
Kampfbegriff sowohl auf eine Verharmlosung bzw. Relativierung der nationalsozialistischen und faschistischen Verbrechen im Europa des 20. Jahrhunderts als auch auf eine Stigmatisierung des Islams heute. Somit trage die Verwendung des Begriffs letztlich dazu bei, die Suche nach den wahren sozialen, kulturellen und ökonomischen Ursachen des Islamismus zu vernachlässigen und die Konfrontation mit den islamistischen Extremisten durch Radikalisierung der bislang gemäßigten Masse zu verschärfen. Tatsächlich, so die Schlussfolgerung einiger Gegner der Faschismus-These, resultiere aus der Faschismus-/Totalitarismus-Analogie eine
falsche Diagnose des islamistischen Terrorismus, was – wegen der Verkennung seines wahren Charakters – gefährliche Konsequenzen in Bezug auf die einzusetzenden Methoden und
Instrumente zur Bekämpfung des internationalen Terrornetzwerkes zur Folge haben könnte."
Quelle
http://www.zmo.de/publikationen/Bundestag%20Wiss%20Dienste%20Islamofaschismus.p df |
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Tammy schrieb:
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03.11.2009, 7:33 |
Re: Islamf. Um eine Frage aus Kommentar #3 zu beantworten: Ja, die VVN-Leute haben tatsächlich gemeinsam mit türkischen Faschisten (Grauen Wölfen) demonstriert. Soweit mir das bekannt ist, wurde der VVN das anschließend auch aufgeklärt. Aber es gab wohl keine Reaktion... |
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Michael schrieb:
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15.11.2009, 15:59 |
Danke Danke! Sehr guter Kommentar |
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